*Brauchen wir einen Sündenbock?

Vortrag von Prof. Dr. Josef Niewiadomski über das Gesamtwerk von Raymund Schwager SJ

Das Schaffen des 2004 verstorbenen Schweizer Jesuiten Raymund Schwager vor allem zu den Themen „Religion und Gewalt“ und „Sündenbock“ bleibt hochaktuell. Er wirkte von 1977 bis 2004 als Professor für Dogmatische und Ökumenische Theologie an der Universität Innsbruck. Nun erscheint der achte und letzte Band seines Gesamtwerks. Das ist der Anlass für das aki und die Jesuitenbibliothek, Josef Niewiadomski aus Innsbruck einzuladen. Er war einer der ersten Doktoranden Schwagers, ist heute Professor für Dogmatik an der Universität Innsbruck und kommentiert die Gesamtausgabe von dessen Werken. (Offen für alle Interessierten, Eintritt frei, Kollekte.)

Zu Raymund Schwager SJ

Raymund Schwager SJ wusste: Das Leben ist nicht nur Zuckerschlecken. Aufgrund intensiver Lektüre der Bibel arbeitete er ein dramatisches Welt- und Geschichtsverständnis heraus. Nicht die Tragödie – im Alten Griechenland dargestellt und geprägt vom Schicksal und Kampf mit den Göttern – bestimme letztlich das menschliche Leben. Vielmehr zeige die Bibel das Leben von Menschen und Völkern als dramatisches Geschehen. Es sei gezeichnet von Rivalität und vom Ringen mit Gott, der den Menschen gerade in diesem Drama über sich hinausführe. Dabei wachse der Mensch, überwinde Entfremdung und werde freier und erlöster. Dieses Heilsdrama offenbare sich grundsätzlich und paradigmatisch im Leben Jesu.

Verbindung mit Religionsphilosoph René Girard

Es ist ein Glücksfall, dass Schwager als Theologe schon in den 1970er-Jahren auf René Girard (1923–2015) stiess, den französischen Kulturwissenschafter, Ethnologen und Religionsphilosophen. Girard analysiert das Begehren als eine Kraft, die Menschen in andauernder Nachahmung, Rivalität und Gewaltbereitschaft sein lässt. Damit hat er nicht nur die Gewaltdramatik, die dem Leben zu Grunde liegt, psychoanalytisch erfasst. Er entlarvt auch die Mythen und Opferriten der Religionen als rituelle Verarbeitung von Rivalität und Gewalt. Er entdeckte, dass das Heilige und die Gewalt zusammen gehören, erlag aber nicht der naiven Beschuldigung, Religionen würden zu Gewalt neigen. Girard zeigte jedoch, dass der Mensch in der Religion seine Gewalttätigkeit verschleiert.

Es ist die geniale Arbeit von Schwager, dass er Girards Sichtweise mit seiner dramatischen Theologie verbunden hat: Jesus wurde zum Sündenbock und Opfer von menschlichem Begehren nach Selbstbehauptung und Macht. Doch er unterläuft und verwandelt durch seine Hingabe am Kreuz den alles bestimmenden Selbstbehauptungs- und Gewaltmechanismus der Menschen. So kann in seiner Nachfolge eine Gemeinschaft von Christen entstehen, die diese Hingabe in Taufe und Eucharistie stets neu vergegenwärtigt. Dabei wird die dramatische Geschichte der Menschen Millimeter um Millimeter in eine Heilsgeschichte gewandelt, wenn sich die Menschen denn vom Geist Jesu führen lassen.
Christian Rutishauser SJ

Beginn 25.10.2018, 20:00
Ende 20.10.2020, 05:46
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